Ökumenische Vesper am 22. 1. 2017

 

2.Kor 5,14-20
Die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Wir feiern sie 2017 im Jahr des 500. Gedenkens an die Reformation durch Martin Luther. Kardinal Marx und Bischof Bedford- Strohm sagen immer wieder: Zum ersten Mal in der Geschichte der Reformationsfeiern, feiern wir sie als ökumenisches Christusfest.

Ich gehöre als evangelische Ordensschwester zu einer Communität, der die Ökumene ein Herzensanliegen ist. Wir erleben Ökumene im Kloster Wülfinghausen, in ökumenischen Abendgebeten, in gemeinsamen Exerzitien, in der Zusammenarbeit der geistlichen Begleitung durch vielfache ökumenische Freundschaften. Ich habe die Hoffnung, dass die „ökumenische Eiszeit“ – wie es Karl Rahner formulierte - in ein ökumenisches Tauwetter übergeht. Alles andere können wir uns angesichts der Weltsituation nicht mehr leisten. Und das Motto dieser Gebetswoche fordert uns dazu heraus: „Die Liebe Christi drängt uns“.

Was hat uns in den vergangenen Jahrhunderten gedrängt? Das war oft alles andere als Liebe. Das war Rechthaberei und Machtkampf, das waren politische Interessen vermischt mit den konfessionellen Differenzen. Wir haben einander getötet in der Meinung, Gott einen Dienst damit zu tun. Dabei ein Meer von Blut und Tränen hinterlassen.

Der Künstler Sieger Köder hat diese Leidensgeschichte der Kirche in einem beeindruckenden Passionsbild zum Ausdruck gebracht. Der Titel „das Gewand Jesu“. Zu sehen ist der weiß glänzende Leibrock Jesu, ohne Naht von oben her ganz durchgewebt. Dieses Untergewand Jesu aus einem Stück galt schon in der alten Kirche als Sinnbild der ungeteilten Einheit der Kirche. Und nun reißen auf dem Bild verschiedene geistliche Personen verschiedener Kirchen je an einem Zipfel des Gewandes. Links ein Pope der orthodoxen Kirche in goldglänzendem Ornat, neben ihm ein protestantischer Pfarrer in schwarzem Talar mit den weißen Beffchen, ihm gegenüber rechts ein römisch-katholischer Bischof oder gar der Papst mit dunkelroter Kleidung und Mitra. Und darunter rechts ein Dunkelhäutiger mit einer roten Fahne. Alle fassen ein Stück des Gewandes. Sie wollen sich ihren Anteil am Erbe Jesu sichern. Jeder zieht an seinem Ende. Und das ungeteilte Gewand wird in Form eines Kreuzes zerrissen.

In diesem Jahr wird am 11. März hier in Hildesheim in der evangelischen Schwesterkirche, der Michaeliskirche, von den Vertretern unserer Kirchen ein Bußgottesdienst gestaltet. Und es wird solche Gottesdienste an vielen Orten geben. Wir brauchen Vergebung für alles, was wir einander im Namen der jeweiligen Konfession angetan haben. Wir brauchen eine Heilung der Erinnerung für all das Schreckliche, das geschehen ist ...

Paulus ruft uns zu und spricht uns immer wieder ins Herz:
„Die Liebe Christi drängt uns!“ Denn Christus hat uns das Wort von der Versöhnung gegeben. Mich fasziniert immer wieder, dass das griechische Wort für vergeben aphiämi heißt. Wörtlich übersetzt bedeutet das: loslassen, entlassen, freigeben. Versöhnung entsteht da, wo die Liebe uns drängt, einander freizugeben, einander zu entlassen aus alten Festschreibungen, auch aus alten negativen Erfahrungen.

Und jetzt bitte ich Sie: Halten Sie einen Moment inne. Fragen Sie sich: wo haben ich in mir alte Bilder negativer Erfahrungen mit der anderen Konfession, die noch in meinen Gefühlen, in meiner Vorstellung stecken. Taucht eine Erinnerung auf, die ich jetzt in einem Moment der Stille Gott hinhalten kann? Ich kann darum bitten, sie loszulassen.

Stille –

Für das, was Sie im Inneren erlebt haben, gilt jetzt der Zuspruch aus dem heutigen Text: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Übertretungen nicht an. Er hat unter uns das Wort der Versöhnung aufgerichtet“. Das ist das Wunder der Vergebung: Wir sind frei. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.

Vor einiger Zeit lernte ich in Berlin ein Wandgemälde kennen. „Versöhnte Einheit“ heißt es. Im Jahr 2002 malte es der italienische Künstler Gabriele Mucchi für die Dorfkirche Alt-Staaken in Berlin. 12 Reformer aus dem 16. Jahrhundert mit unterschiedlichen Ansichten und Konfessionen stehen dort gemeinsam. Unter ihnen auch Martin Luther mit Katharina von Bora und Ignatius von Loyola. Alle stehen unter dem Kreuz. Hier ist die Quelle, um die Spaltungen zu überwinden.
Durch die ökumenische Bewegung der letzten Jahrzehnte entdecken wir in unseren Kirchen: Das, was wir gemeinsam haben, ist viel mehr als das, was uns trennt. Wir sind Christen, durch die Taufe in Christus eingepflanzt, wie es schon das 2. Vatikanum betont. Wir sind eins in Christus. Weltweit werden wir als Christen, egal welcher Konfession, am meisten verfolgt. Im letzten Jahr waren es 120.000. Ich stand vor einem Jahr in der Kirche San Bartolomeo in Rom auf der Tiberinsel. In ihr wird an die Märtyrer des 20. Jahrhundert erinnert. Ihre Zahl übersteigt die der vergangenen Jahrhunderte. Papst Johannes Paul II sagte: „Der Ökumenismus der Märtyrer ist vielleicht am überzeugendsten.“
Auch wenn wir offiziell noch nicht aus demselben Kelch von Christi Blut trinken können, können wir doch durch die Liebe Christi den Kelch des Leidens tragen: das Leiden an der Spaltung und das Leiden an der Zerbrochenheit unserer Welt. Gemeinsam können wir das Öl des Gebetes und des barmherzigen Handelns auf die Wunden der Menschheit gießen, uns einsetzen gegen Unrecht, den Geflüchteten Heimat geben.
Ein besonderes ökumenisches Zeugnis war die Freundschaft und Märtyrer-Gefährtenschaft zwischen dem Jesuiten Alfred Delp und dem evangelischen Helmut James von Moltke im Kreisauer Kreis. Sie waren freundschaftlich verbunden und suchten miteinander aus dem Glauben nach neuen Wegen für Deutschland. Sie wurden zum Tode verurteilt, weil sie als Christen miteinander über die Zukunft Deutschlands nachgedacht hatten. Unsere Communität Kloster Wülfinghausen ist gerade im Karmel Regina Martyrum in Berlin in der Nähe von Plötzensee , wo beide gefangen gehalten wurden und dann auch hingerichtet wurden. Morgen wird dort in einer ökumenischen Vesper an den Todestages von Helmut James Graf von Moltke vor 72 Jahren gedacht. In einem seiner letzten Briefe schreibt Moltke an seine Frau: „Und dann wird dein Wirt (so nennt sich Moltke selbst in den Briefen an seine Frau) Und dann wird dein Wirt ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher, sondern als Christ und als gar nichts anderes.“ Die konfessionellen Grenzen durch das Martyrium zu überschreiten und so die Einheit der Kirche zu leben. Dazu sieht er sich ausersehen. Das gibt seinem Leben und Sterben nachträglich einen Sinn und der heißt Ökumene.

Sein Freund Alfred Delp, der ein paar Tage später hingerichtet wird, schreibt aus der Erfahrung des tiefen geistlichen Miteinanders im Gefängnis von „der einen heiligen Kirche in Fesseln“ (una sancta in vinculis). Er hat für uns wie ein Vermächtnis formuliert:
„Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben.“ ... „Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weitertragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden... der eine Christus ist doch ungeteilt, und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen als es unsern streitenden Vorfahren gelang.“

Dazu drängt uns die Liebe Christi.

 

 

Gaertnern