Ein Bilderbuch geistlicher Ökumene


Zum Geleit
Jürgen Johannesdotter



Kloster auf Evangelisch – gibt es das? 500 Jahre nach jenem berühmten Thesenanschlag Martin Luthers an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, der als Beginn der Evangelischen Kirche betrachtet wird. Im Jahre 2017 soll dieses Ereignisses gedacht werden. Anders gedacht werden als vor 100, 200, 300 und 400 Jahren. Nicht gegen die katholische Kirche, nicht gegen die orthodoxen Kirchen, nicht gegen irgendjemanden, sondern für Christus. Ein Christus-Jahr möge es werden, ist die gemeinsame ökumenische Sehnsucht vieler Christenmenschen. „500 Jahre Trennung sind genug“ hieß es auf dem Kongress und der Kundgebung der Bewegung „Miteinander für Europa“ in München im Juli 2016. Beteiligt daran waren viele christliche Kirchen, Orden, Kommunitäten und Gemeinschaften. Ein solches Gedenken braucht den dankbaren und den kritischen Rückblick auf die Geschichte. Ohne Umkehr gibt es keine Versöhnung. Ohne Aufblick zu Jesus Christus ist Einheit nicht möglich. Wie kann die Sehnsucht nach Einheit im Zugehen auf das Gedenkjahr gefördert werden?

Begegnung mit demselben Herrn

Papst Benedikt XVI schreibt im Vorwort zum 2. Band seines Buches „Jesus von Nazareth“, dass sein Buch inzwischen einen „ökumenischen Bruder“ bekommen habe in dem „Jesus“-Buch des evangelischen Theologen Joachim Ringleben. Er führt aus: „Wer die beiden Bücher liest, wird einerseits den großen Unterschied der Denkformen und der prägenden theologischen Ansätze sehen, in denen sich die unterschiedliche konfessionelle Herkunft der beiden Autoren konkret ausdrückt. Aber zugleich erscheint die tiefe Einheit im wesentlichen Verständnis der Person Jesu und seiner Botschaft. In unterschiedlichen theologischen Ansätzen wirkt der gleiche Glaube, findet Begegnung mit demselben Herrn Jesus statt. Ich hoffe, dass beide Bücher in ihrer Unterschiedlichkeit und in ihrer wesentlichen Gemeinsamkeit ein ökumenisches Zeugnis sein können, das in dieser Stunde auf seine Weise dem grundlegenden gemeinsamen Auftrag der Christen dient.“

Begegnung mit demselben Herrn Jesus – das ist das tiefe Anliegen einer Ökumene, deren Herz erfüllt ist von der Sehnsucht nach der Einheit, von der Jesus in dem hohepriesterlichen Gebet aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 17, Vers 21 spricht: „… damit sie alle eins seien. Wie du, Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Jesus Christus selber bittet um diese Einheit für die Menschen, die an ihn glauben. Keine Einheit ohne Gebet, keine Einheit ohne Erneuerung durch den Heiligen Geist. Kardinal Walter Kasper hat in einer Predigt zum 10-jährigen Jubiläum der Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ am 31. Oktober 2009 im Hohen Dom zu Augsburg gesagt: „Es gibt keine Ökumene ohne Umkehr des Herzens; es gibt keine Ökumene ohne ein Neuwerden des Herzens; es gibt keine Ökumene ohne Erneuerung durch den Heiligen Geist. … Wir brauchen eine geistliche Ökumene.“ Und sie ist vor allem eine Ökumene des Gebetes.

Diese „geistliche Ökumene“ ist in den vergangenen Jahrzehnten in unseren Kirchen gewachsen – und nicht nur in den Kirchen, sondern in vielen geistlichen Gemeinschaften und Kommunitäten. Sie haben den großen theologischen Dialogen, die sich oft in filigraner Kleinarbeit um Aufarbeitung von Dissensen und Verwerfungen, um Linien der Übereinstimmung und Überwindung von Unterschieden bemüht haben und deren Ergebnisse wir in mancherlei Erklärungen sichtbar vorliegen haben, etwas Wesentliches hinzugefügt: eine Ökumene des gemeinsamen Lesens und betenden Bedenkens der Bibel als Wort Gottes und als Wegweisung Gottes für unser Leben. „In der geistlichen Ökumene machen wir uns gemeinsam auf den Weg der Nachfolge Jesu. In dem Maße, in dem wir mit ihm eins sind, werden wir es auch untereinander sein.“ (Kardinal W. Kasper)

Gemeinsam in der Nachfolge

Dass zu dieser geistlichen Ökumene auch die tätige Liebe gehört, versteht sich eigentlich von selbst. Ökumene ist schließlich kein Selbstzweck, sondern zielt auf ein gemeinsames Ziel – den gemeinsamen Dienst an der Versöhnung, der Einheit und dem Frieden in der Welt. Bewährungsfelder für diesen gemeinsamen Dienst in der Nachfolge Jesu gibt es heute wahrlich genug. Armut, Frieden, Gerechtigkeit, die Natur als Schöpfung Gottes – sie fordern die Christenheit als ganze heraus, aus der Quelle ihres Glaubens Antworten auf die bedrängenden Fragen zu geben und diese Antworten in Handeln umzusetzen.

Zu den ermutigenden und begeisternden Erfahrungen meines Dienstes als Bischof gehören die Begegnungen mit den evangelischen Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften. Nach der im Gefolge der Reformation lange abgebrochenen Tradition der Klöster als Orten des gemeinsam gelebten Glaubens ist vor allem im vergangenen Jahrhundert eine Vielzahl von sehr unterschiedlich geprägten Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften entstanden. In all ihrer Unterschiedlichkeit üben sie sich ein im verbindlichen Leben. „Den Glauben ins Leben ziehen“, so hat es Martin Luther genannt, ins reale, nicht erträumte Leben. Dass dieser Glaube selber aus dem Hören auf das Wort der Bibel kommt, macht ihn nüchtern im Blick auf das eigene Können und mutig im Vertrauen darauf, dass Christus auch die Kraft und den Mut schenkt, den Zumutungen des Lebens standzuhalten.

Die Klöster und Orden sind ein Zeichen der Erinnerung an die Einheit der Kirche. Vor diesem Hintergrund sind die Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften, die im evangelischen Raum entstanden, Initiativen von einzelnen Personen oder Gruppen gewesen, die sich eine eigene Ordnung gegeben haben. Manche haben sich alte Ordensregeln gegeben und haben zum Beispiel die sogenannten „evangelischen Räte“ der alten Orden übernommen (Ehelosigkeit, Besitzlosigkeit und Gehorsam). Andere sind Familien-Kommunitäten geworden oder bilden netzwerkartige Gemeinschaften von Frauen, Männern oder Familien. Sie leben in ehemaligen Klöstern, Schlössern, Burgen, Gütern oder Häusern, die sie selbst gebaut, wieder hergestellt oder restauriert haben oder beleben diese durch ihre Konvente. Mit ihren unterschiedlichen Berufen, Begabungen, Charismen dienen sie der Gemeinschaft. Sie sind nicht kirchlich „abgesichert“, auch nicht finanziell. Aber sie haben oft eine ausstrahlende Wirkung und wecken die Neugier suchender und fragender Menschen. Die alte Mönchsregel „ora et labora“ kennzeichnet auch sie.

Kloster auf Evangelisch

Berichte aus dem gemeinsamen Leben

Dieses Buch erscheint nun als ein besonderer Beitrag zum 500-jährigen Reformationsgedenken im Jahr 2017. Wer die Beiträge liest, wundert sich über die Vielfalt der Gemeinschaften und ihrer Berichte über das gemeinsame Leben. Was sie eint, ist, dass sie Zeugnis abgeben von der Begegnung mit demselben Herrn Jesus, in dessen Nachfolge sie sich haben rufen lassen – zu unterschiedlichen Zeiten, als Antworten auf unterschiedliche Herausforderungen. Was sie eint, ist die Erfahrung der Emmausjünger: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

Solche Weg-Geschichten enthält dieses Buch. Sie sind Wundergeschichten des Glaubens. Aber wer in der Nachfolge Jesu nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Das schließt das Scheitern und die Enttäuschung nicht aus. Aber sie sind kein Argument gegen das Bilderbuch geistlicher Ökumene, das sich dem Betrachter hier öffnet. Im Gegenteil, daraus erwächst der Same zum Neuanfang; denn das ist das Kennzeichen dessen, der das Herz seiner Jüngerinnen und Jünger brennen lässt.

Als ich vor etlichen Jahren an einem herrlichen Maitag mit einem unserer Söhne durch den wunderbaren Wald des Klosters Loccum fuhr, sah er die Vielfalt der Bäume und Büsche mit ihren variantenreichen Grün-Tönen und sagte: „Ganz schön viel Fantasie hat der liebe Gott.“ Dieses Buch zeugt von der schönen Fantasie Gottes und seiner Menschen.
Im Juli 2016

Jürgen Johannesdotter, Landesbischof i. R. und 2007-2016 Beauftragter des Rates der EKD für die Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche in Deutschland


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