Maria


Maria

Eine Annäherung aus evangelischer Perspektive


„Sie ist mir lieb, die werte Magd, und kann ihr nicht vergessen. Lob, Ehr und Zucht man von ihr sagt, sie hat mein Herz besessen. Ich bin ihr hold…“(WA 35,462f) Vermutlich sind nicht wenige erstaunt sind, dass Martin Luther diesen Liedanfang gedichtet hat, ein Lied das Maria preist.

Durch die intensivere Auseinandersetzung mit Martin Luther im Rahmen des Reformationsjubiläums entdecke ich neu, wie wichtig ihm Maria war. Er hat „die zarte Gottesmutter“, wie er sie gerne nannte, verehrt und geliebt. Für ihn war sie die „hochgelobte Jungfrau“, das leuchtende Vorbild eines Lebens ganz aus der Gnade Gottes. Er hat sie bis ans Lebensende vor anderen Heiligen verehrt: „Das Geschöpf Maria kann nicht genug gelobt werden.“(WA 1, 219)

Noch ehe er die Übersetzung des Neuen Testamentes als Ganzes in Angriff nahm hat er das Magnificat ins Deutsche übertragen und - zum Teil während seines Aufenthalts auf der Wartburg - eine Auslegung zum Magnificat geschrieben, in der er zentrale Anliegen seiner Theologie an der Gestalt Marias deutlich machte. Er wehrte sich dagegen, sie als Königin des Himmels zu verehren und Gott damit die Ehre zu nehmen, der allein die Erlösung in Christus gewirkt hat. Maria stelle sich nicht in die Mitte, sie „will nicht mehr denn eine fröhliche Herberge und willige Wirtin“ sein. (WA7,555,27) . So lässt er sie in seiner Auslegung des Magnificat aus dem Jahr 1521 sagen: „Ich bin nur die Werkstatt, darinnen er wirkt, aber ich habe nichts zum Werk getan, darum soll auch mich niemand loben oder mir die Ehre geben, dass ich Gottesmutter bin worden, sondern lobe Gott und sein Werk soll man in mir ehren und loben.“ (WA 7, 575)

Weiter meditiert Luther über die herausgehobene Rolle Marias in der Heilsgeschichte und deutet die Worte Marias „denn er hat große Dinge an mir getan“ ( Lk 1,49): „Die großen Dinge sind nicht anders, denn daß sie Gottes Mutter ist worden, in welchem Werk so viele und große Güter ihr gegeben sind, daß sie niemand begreifen kann. Denn da folget alle Ehre, alle Seligkeit, und daß sie im ganzen menschlichen Geschlecht eine einzigartige Person ist über alle, der niemand (darin) gleich ist, daß sie mit dem himmlischen Vater ein Kind, und ein solches Kind, hat… Darum, in einem Wort, hat man alle ihre Ehre begriffen, so man sie Gottes Mutter nennet; kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen, wenn er gleich so viele Zungen hätte, als Laub und Gras, Sterne am Himmel und Sand am Meere ist. Es will auch mit dem Herzen bedacht sein, was das sei, Gottes Mutter sein.“ (Evang. Erwachsenenkatechismus 2. Auflage 1975, S. 393)

Die Magnificat-Auslegung fand hohe Anerkennung, auch bei Luthers Gegnern. So soll selbst Papst Leo X, der über Martin Luther den Kirchenbann verhängt hat, nach der Lektüre dieser frühen Schrift Luthers gesagt haben: Selig sind die Hände, die dies geschrieben haben.

Die Kirche hat das Magnificat, Marias Lied in ihr tägliches Abendgebet, die Vesper aufgenommen und erfüllt so täglich, was Maria im Magnificat angekündigt hat: „von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder.“

Martin Luther sah in der Frömmigkeit seiner Zeit die Gefahr, „daß man sie höher hält, denn man soll...daß Christus dadurch verkleinert wird, indem man mehr die Herzen auf Maria gestellt, denn auf Christus selbst.“ (WA 10,3,313):

„Darum, wer sie ehren will, darf sie nicht allein sich vor Augen stellen, sondern muss sie vor Gott und weit unter Gott stellen und sie dort (aller falschen Herrlichkeit) entkleiden und ihre Nichtigkeit ansehen, wie sie sagt. Danach soll er sich über die überschwengliche Gnade Gottes wundern, der ein solches geringes, nichtiges Menschenkind so reichlich und gnädig ansieht, umfängt und benedeit. Durch diesen Anblick wirst du bewegt, Gott zu lieben und zu loben bei solchen Gnaden, und du wirst dadurch angereizt, dich alles Guten von solchem Gott zu versehen, der geringe, verachtete, nichtige Menschen so gnädig ansieht und nicht verschmäht, so daß dein Herz gegen Gott in Glaube, Liebe und Hoffnung gestärkt wird. Was meinst du, dass ihr Lieberes begegnen mag, als dass du durch sie so zu Gott kommst und an ihr lernst, auf Gott zu trauen und zu hoffen, wenn du auch verachtet und vernichtet wirst, worin immer das geschehe, im Leben oder im Sterben? Sie will nicht, dass du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott.“ (WA 7,568/69)

„O du selige Jungfrau und Mutter Gottes,
wie bist du so gar nichts und gering geachtet gewesen
und Gott hat dich dennoch so überaus gnädig und reichlich angesehen
und große Dinge an dir gewirkt.
Weit und hoch über all dein Verdienst hinaus
ist die reiche, überschwängliche Gnade Gottes in dir.
O wohl dir, selig bist du von der Stund an bis in Ewigkeit,
die du einen solchen Gott gefunden hast!“
(WA7, 658)

In der Gegenreformation wurde Maria als Symbol römisch-katholischer Frömmigkeit besonders betont und gegen den reformatorischen Glauben herausgestellt. Das nachreformatorische Luthertum ging zu Maria auf Distanz und entfernte sich von Luthers Art der Marienverehrung. So wurde das Nein zur Marienverehrung jahrhundertelang zu einem Kennzeichen evangelischen Christentums, und wir haben Maria aus unserer Glaubenstradition verloren.

Durch die ökumenische Bewegung der letzten Jahrzehnte überwinden wir das Gegeneinander und entdecken in unseren Kirchen, dass das Gemeinsame größer ist als das Trennende und wir in den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens im Wesentlichen übereinstimmen. So können wir Evangelischen ein unbefangeneres Verhältnis zu Maria wiedergewinnen und aus dem Evangelium und der altkirchlichen gemeinsamen Tradition schöpfen.

In vielen evangelischen Communitäten wird – befruchtet durch ökumenische Begegnungen der Orden - eine reichere liturgische Tradition gepflegt. Es werden dort häufig auch die evangelischen Marientage gefeiert, sie sind Christusfeste und haben die gleiche liturgische Farbe wie Weihnachten und Ostern: weiß.

2. Februar: Tag der Darstellung des Herrn (Mariä Lichtmess)

25. März: Ankündigung der Geburt des Herrn

2. Juli: Tag der Heimsuchung Marias

Maria ist für mich als evangelische Ordensfrau ein ermutigendes Vorbild, alles für Gott zu wagen. Sie hat sich mit Leib und Seele, mit allem, was sie ausmacht, Gott zur Verfügung gestellt, ohne zu wissen, was das für Konsequenzen hat: „Mir geschehe, wie Du gesagt hast!“ Durch ihr bedingungsloses Ja schafft sie den Raum, den Gott braucht, um Mensch zu werden. Sie macht mir Mut, den Weg einer großherzigen Hingabe zu wagen im Vertrauen, dass so mein Leben fruchtbar wird für Gott und die Menschen.

Die Gründerin der evangelischen Communität Christusbruderschaft, der Ursprungsgemeinschaft unserer Communität Kloster Wülfinghausen, Hanna Hümmer, hat uns die Gestalt der Maria nahegebracht und uns die Botschaft ihres Lebens zugesprochen:

Er hat einen Plan der Liebe mit jedem einzelnen.
Du bist kein Staubkorn im Getriebe des Weltgeschehens,
du bist ganz persönlich geliebt,
Gerufene und Erkannte bist du!
Gott kennt deinen Namen. Fürchte dich nicht!
Dein Name leuchtet in seinem Herzen.
Eine lichte Wolke überschattet dich, und er spricht zu dir:
„Du bist kostbar für mich. Ich habe mein Liebstes für dich hingegeben,
es soll in dir leben: Jesus Christus!“

Mein Gott, lehre mich beten wie Maria.
Schenke mir ein offenes Herz,
das dir glaubt und dir alles zutraut.
Schenke mir ein Herz, das dich lobt
mit jedem Gedanken,
mit jedem Wort
mit jeder Bewegung.
Du bist Mensch geworden und willst Mensch werden
durch mich in dieser Welt.“

Hanna Hümmer
Sr. Adelheid Wenzelmann


Erstveröffentlichung TeDeum 8 / 2016


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